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NUDE

22.11.2014-15.03.2015

Weibliche Körper aus dem Blickwinkel von Künstlerinnen aus fünf Jahrhunderten zeigt die Villa Schöningen in ihrer aktuellen Ausstellung. Der weibliche Akt gehört neben Landschaften, Portraits und religiösen Themen zu den meist dargestellten Motiven der Kunstgeschichte. Von der Venus von Willendorf vor
25 000 Jahren bis zu Performances und Video- Installationen der Gegenwart hat der nackte Körper Künstler und Künstlerinnen über die Jahrhunderte hinweg fasziniert. Immer wieder war der Umgang mit Nacktheit und Eros auch eine Erkundung von Tabus und ein faszinierender Indikator des Zeitgefühls. Wie ein Sensor der Freiheits-Verfassung einer Gesellschaft oder Epoche haben Akte die Kunstgeschichte geprägt: Zurückhaltend, verschämt, idealisierend, sexualisierend, politisierend, gewaltsam, zärtlich, hässlich oder verstörend. Ob die “Maja” von Goya, die “Olympia” von Manet oder “L ́Origine du Monde” von Courbet und “Les Demoiselles d Avignon” von Picasso immer wieder waren es Akte, die Kunst- Skandale provozierten und stilistisches Neuland erkundeten.

Unter dem Titel „Nude - Female Bodies By Female Artists“ wird von 4. Mai bis zum 1. Oktober 2019 in der Potsdamer Villa Schöningen der weibliche Körper ausschließlich in Darstellungen von Künstlerinnen gezeigt. Dabei sind fast alle Formen von Skulptur, Zeichnung, Gemälde, Fotografie und Video vertreten. Im Vordergrund steht die Frage, ob es so etwas wie einen spezifisch weiblichen Blick auf den nackten Körper gibt. Oder ob solche Stereotypisierungen im feministischen Kontext Sehmuster prägen, die einer vorurteilsfreien Betrachtung jenseits der Geschlechter- Klischees nicht standhalten.

(Pressetext Villa Schöningen)

FEMALE BODIES

Marina Abramovic

Vanessa Beecroft

Huma Bhabha

Juno Calypso

Diana de Rose

Marion Fink

Maria Gimenez

Natalia Gontcharova

Barbara Hammer

Dorothy Iannone 

Anne Imhof

Marie-Jo Lafontaine

Madeleine-Jeanne Lemaire

Dorothea Maetzel-Johannsen

Jeanne Mammen

Ana Mendieta

Paula Modersohn-Becker

Signe Pierce

Anita Rée

Ashley Hans Scheirl

Carolee Schneeman

Lara Schnitger

Suzanna Scott

Deborah Sengl

Cindy Sherman

Elisabetta Sirani

Elaine Sturtevant

Anna-Stina Treumund

Mickalene Thomas

Rosemarie Trockel

Anna Uddenberg

Amber Wellmann

Hannah Wilke

Sue Williams

Martha Wilson

Alison Zuckerman

BY FEMALE ARTISTS

Im Erdgeschoss sind zwei Werke der Künstlerinnen Marion Fink und Signe Pierce zu sehen, die mit neuen digitalen Möglichkeiten umgesetzt wurden.

Die US-amerikanische Künstlerin Signe Pierce bezeichnet sich selbst als Reality-Artist: „Ich bin Pop und ich bin Kunst. Ich bin digital und ich bin körperlich. Ich bin virtuell und ich bin real“. „Was ist echt?“, ist die zentrale Frage, die in Installationen, Fotografien, Performances und Texten von Pierce immer wieder neu gestellt wird.

In ihren Arbeiten verwendet Pierce, sowohl im übertragenen als auch im buchstäblichen Sinn, ihr eigenes Leben und ihren Körper als Projektionsfläche. Als Performerin und als, wie sie sich selbst nennt, „Realitätskünstlerin“, präsentiert Pierce eine provokante, hyperreale Version ihrer selbst und bricht Erwartungshaltungen bezüglich Weiblichkeit, Sexualität und Wahrnehmung. Mit ihren Liquid Paintings verbindet Signe Pierce Leinwand und weiblichen Akt durch eine digitale Projektion.

Marion Finks Arbeit „Alena“ ist zunächst nur eine so genannte „Body Texture Map“, eine Art Schnittmuster einer virtuellen Frau, das im Internet erworben werden kann und über den Suchbegriff „Woman“ auf einer Plattform gefunden wurde. Mit einer entsprechenden App auf einem Endgerätwird aus dem Schnitt eine Animation und es entsteht eine idealisierte, animierte Frau: Alena. Die App verbindet die Animation mit der tatsächlichen Umgebung und es tritt aus dem Hintergrund die Alena. Sie betritt einen Marmorsockel und begibt sich in die Körperhaltung der Venus Pudica, die für ein jahrtausendaltes Schönheitsideal und Frauenbild steht. Durch das schamhafte Bedecken des nackten Körpers drückt sie Schwäche und Schutzlosigkeit aus. Alena starrt in ihrer Haltung und wird zu einer Marmorskulptur auf einem langsam rotierenden Sockel. Kurz darauf tritt eine weitere Version Alenas hervor, die ihr marmornes Abbild mit einem Baseballschläger zerschlägt. Siegreich betritt sie den Sockel, um kurz darauf abermals die klassische Form der schamhaft anmutenden Venus einzunehmen, bevor sich der Vorgang wiederholt.

Die Filme, die im Erdgeschoss der Villa Schöningen gezeigt werden, sind von Barbara Hammer und Ana Mendieta.

Die US-amerikanische Barbara Hammer war eine Filmemacherin, Performance- und Medienkünstlerin. Sie ist Wegbereiterin des Queer Cinema und eine der ersten Filmemacherinnen, die sich ganz explizit mit filmisch Mitteln lesbischen Lebensrealitäten thematisiert. Sie wurde bekannt durch zahlreiche Filme, in denen sie durch experimentelle Annäherungen traditionelle Geschlechterrollen, lesbische Beziehungen und die Beschäftigung mit Alter und Familie thematisiert. In dem Film „Sanctus“ von 1990 zeigt sie bewegliche Röntgenstrahlen. Der Film macht das Unsichtbare sichtbar und enthüllt die Skelettstruktur des menschlichen Körpers,und auch die verborgene Fragilität der inneren Organsysteme.

Auch Ana Mendieta, 1948 in Havanna auf Kuba geboren, wurde vor allem mit ihren Performances bekannt, beschäftigte sich aber auch erfolgreich mit Konzeptkunst, Fotografie und Film. In ihren Werken beschäftigte Mendieta sich unter anderem mit dem menschlichen Körper, Sexualität und Fragen der Identität, wobei sie oft natürliche Materialien verwendete. Ihre Performances in der Landschaft beschrieb sie mit dem Begriff „earth-body work“. Einige ihrer Kunstwerke gelten als Ikonen der Kunst der 1970er Jahre und der lateinamerikanischen Kunst der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Auch wenn Mendieta selbst sich kategorialen Zuschreibungen wie lateinamerikanisch und feministisch entzog und sich als transkulturelle und transmedial arbeitende Künstlerin verstand, wird sie als bedeutende feministische Künstlerin und Vorreiterin zu Performance- und Video-Kunst rezipiert.

Das Genre Akt ist eines der ältesten der Kunstgeschichte und es gab keine Phase in der Künstler keine Akte malten, mehr noch: es kann sogar behauptet werden, dass sich nahezu alle Künstler im Laufe ihrer Schaffenszeit mit dem Genre beschäftigten. Bis zum 19. Jahrhundert diente der Akt der wissenschaftlichen Studie des Menschen oder er wurde in Gemälden und Fresken für die Darstellung historischer, religiöser und mythologischer Themen genutzt. Seitdem etablierte sich der Akt ausserhalb der Malerei auch in der Fotografie, der Bildhauerei oder der Videokunst. Heutzutage zählen zu den Akten sämtliche Darstellungen des nackten Körpers. Dass der Akt an Aktualität nichts verloren hat und auch von zeitgenössischen Künstlern auf unterschiedliche Weise zum Thema ihrer Arbeiten gemacht wird, zeigen die Arbeiten im Erdgeschoss der Villa Schöningen. Heutzutage gibt es nicht nur verschiedene Medien für Akte, sondern auch zahlreiche Ansätze der Künstler, neue Perspektiven auf den menschlichen – und hier vor allem den weiblichen Körper zu lenken und den Betrachter zu überraschen, zu provozieren und zu irritieren.

Maria Gimenez Bilder haben eine ausgeprägte Neigung zum Anstössigen und verstören den Betrachter. Ihr Duktus ist frei von jeder Schule und folgt keinen Vorbildern oder Idolen. Ihr gegenüber nutzt die Künstlerin Makalene Thomas die Ästhetik der 1960er bis 1980er Jahre und zeigt ihren Akt in einer Videoarbeit in einem häuslichen Umfeld, nur mit Schuhen bekleidet und auf eine Stimme im Off reagierend. Zu der Videoarbeit gehört eine Malerei, die einen Ausschnitt, nämlich die bekleideten Beine der Protagonistin des Filmes, zeigt. Mickalene Thomas’ typische Malweise ist eine collagenhafte, fast plakative Malerei, die sie mit Strasssteinen dekoriert. Sie zelebriert durch das Schmücken der Körper die Dargestellten und verleiht ihnen einen üppigen Glanz, der verzaubern aber auch irriteren kann.

Lara Schnittgers Akt ist erst auf den zweiten Blick eindeutig erkennbar. Durch ihre persönliche Technik ihre Leinwände mit textilen Collagen zu gestalten, bringt sie die Dargestellte mit dem Hintergrund zusammen. Gleichzeitig strahlt das Material in Kombination mit der Farbigkeit der Arbeit Ruhe und Gelassenheit aus und macht einen zurückhaltenden, sanften und zarten Eindruck.

Allison Zuckermanns Arbeit ist dagegeben grell und laut: Auch sie stellt eine Collage auf ihren Leinwänden zusammen, in dem sie sich Motiven der Kunstgeschichte und des heutigen Lifestyles bedient und sie auf skurrile Art und Weise zusammensetzt und den Betrachter damit vor mehrere Rätsel stellt, da sich die Zusammensetzung nicht erschliessen lässt.

Für die Skulptur Focus#1 hat die Künstlerin Anna Uddenberg Alltagsgegenstände ungewohnt zusammengesetzt und eine erstaunliche Arbeit geschaffen. Die Dargestellte lehnt sich zu weit über den Barhocker und zeigt damit intime Körperstellen, wobei ihr Gesicht durch die zusammengezogene Haltung im Verborgenen bleibt. Der Widerspruch zwischen den aufreizenden Kleidern und den Accessoires wie dem Fahrradhelm oder den Hausschuhen bleibt ungeklärt.

Mehr als 100 Jahre nach der Vollendung der Malerei L'Origine du monde [Der Ursprung der Welt] von Gustave Courbet (1819-1877) wurde sie erstmals in einer Ausstellung gezeigt. Die Geschichte des Bildes ist ebenso mysteriös wie sein Sujet: Das Bild war 1866 eine Auftragsarbeit für einen in Paris lebenden, arabischen Diplomaten, der eine beachtliche Kunstsammlung, vor allem von weiblichen Motiven, besass. Finanzielle Schwierigkeiten führten zu der Auflösung der Sammlung und Courbets L'Origine du monde wurde verkauft und sein Verbleib ungewiss. 1955 kaufte es der Psychoanalytiker Jaques Lacan, in dessen Besitz es bis zu seinem Tod 1981 blieb und erstmals 1988 im Brooklyn Museum for Modern Art ausgestellt wurde.

Courbet malte einen unverhüllten Blick auf das weibliche Geschlecht einer liegenden Frau mit gespreizten Beinen, deren Beine, Kopf und Arme nicht dargestellt sind. Courbet hat immer wieder mit seinen Arbeiten Zeitgenossen schockiert und damit zur Überwindung der künstlerischen Konventionen aufgerufen. Als L'Origine du monde in den 1980er Jahren erstmals gezeigt wurde, waren auch dann noch die Reaktionen kontrovers: Immer wieder wurde das Bild mit Pornografie verglichen und löste teilweise heftige negative Reaktionen hervor. Auf Künstler hat die Arbeit immer wieder Einfluss ausgeübt und es gibt zahlreiche Arbeiten, die sich auf Courbet beziehen. In der Ausstellung zeigen dies die Künstlerinnen Mickalene Thomas, Rosemarie Trockel, Deborah Sengl und Anna-Stina Treumund auf unterschiedliche Art und Weise: Während Thomas und Sengl sich durch die Malweise und die Verwendung von zeitgenössichen Materialien wie Strasssteinen und Steckperlen eine Nahansicht des weiblichen Geschlechts in unsere Zeit bringen, irritiert Trockel mit einer Vogelspinne, die auf der weiblichen Scham sitzt. Bei Anna Stina Treumund wird das Motiv politisch: Sie zeigt eine an Courbets Arbeit angelehnte Nahsicht und ergänzt eine Hand, die im weiblichen Geschlecht verschwindet. Der estländischen Künstlerin ging es immer wieder um Sexualität und sie provozierte mit ihren Arbeiten ein Umdenken über sexuelle Phantasien und Vorlieben, mit denen sie regelmäßig die Betrachter ihrer Arbeiten schockierte.

Der gemeinsame Nenner aller Arbeiten der Ausstellung NUDE ist mehr als die Aktdarstellung: Alle Künstlerinnen fordern mit ihren Arbeiten dazu auf, sich mit der Rolle der Frau beschäftigen. Oft geht damit auch die Forderung nach Freiheit einher und so reflektieren die Akte die Lebenswirklichkeiten der Frauen in ihrer jeweiligen Zeit.

Das zeigt bereits das Werk Beauty fending off time, das Mitte der 1660er Jahre von der italienischen Künstlerin Elisabetta Sirani gemalt wurde. Sirani war Tochter eine bekannten Malerdynastie in Bologna, Italien und arbeitete schon in jungen Jahren als Künstlerin. Sie wurde schon zu Lebzeiten als Künstlerin wahrgenommen, was in ihrer Zeit äußerst ungewöhnlich war und mehr noch: sie forderte das Recht, auch als Frau als Malerin tätig sein zu dürfen und gründete die erste Kunstakademie für Frauen in Bologna. Die Arbeit Beauty fending off time hat einen tragischen Aspekt: Während die dargestellte Schönheit den Tod, dargesellt durch den Gott Chronos, von sich weist und unbeindruckt an ihm vorbei in die Ferne schaut, starb Sirani selbst kurz nach Vollendung des Bildes im Alter von nur 27 Jahren.

Paula Modersohn-Becker starb auch nach Vollendung der Arbeit Weiblicher liegender Akt, den sie um 1906 malte. Sie gilt als die erste Künstlerin überhaupt, die sich selbst als Akt malte. Verlgeicht man diese Arbeit mit der von Lemaire im Kaminzimmer der Villa Schöningen, die in der gleichen Zeit entstand, wird deutlich wie unterschiedlich die Malweisen der Künstler Anfang des 20. Jahrhunderts gewesen sind und welch neue Ausdrucksformen entstanden. Paula Modersohn-Becker musste sie immer wieder verteidigen und irriterte ihre Zeitgenossen vor allem mit der Auseinandersetzung des eigenen Körpers, den sie schonungslos und nicht idealisiert darstellte.

Cindy Sherman irritiert den Betrachter durch die eigene Inszinierung als Clown vor einem computergenerierten Hintergrund. Ihr Körper ist in einem Kostüm, das den nackten weibliichen Körper überspitzt darstellt und im Kontrast steht zu dem geschminkten Gesicht eines Clowns, das kaum das Gesicht unter der Maske erahnen lässt.

Provokativ und wütend guckt die Dargestellte den Betrachter an und scheint ihn voller Wut anzuschreien. Die Brutalität dieser Darstellung steht im Kontrast zu dem nackten Oberkörper, der intime Tätowierungen preisgibt und verletzbar wirkt. Diese Arbeit ist von der Künstlerin Anne Imhof, die vor allem durch ihre Performances bekannt geworden ist. Die Arbeit „Untitled“ zeigt die Künstlerin Eliza Douglas, die in vielen von Imhofs Performances eine wesentliche Rolle spielt.

Auch Marina Abramovic ist eine Performancekünstlerin, die - wie Anna Imhof – in vielen Arbeiten ihren Körper thematisiert. In der Performance Relation in Space schlagen Abramovic und Ulay immer wieder ihre Körper aneinander, bis zur völligen körperlichen Erschöpfung. 1976 beschrieben Abramovic und Ulay ihr Credo als„vitale Kunst, kein fester Wohnsitz, permanente Bewegung, direkter Kontakt, lokaler Bezug, Selbst-Auswahl, Grenzüberschreitung, Risikobereitschaft, bewegliche Energie – keine Probe, kein vorhergesagtes Ende, keine Wiederholung“.

Korrespondierend zur Arbeit von Cindy Sherman im Großen Saal der Villa Schöningen ist Martha Wilsons Bear in Mind. Wilson kostümiert sich selbst und fotografiert sich und thematisiert ihre Weiblichkeit auf skurrile Art und Weise: Schonungslos zeigt sie ihren Körper und stellt sich in der hier ausgestellten Arbeit als Pandabär dar. Sie bringt damit die Diskussion nach Schönheitsidealen und dem weiblichen Bild im 21. Jahrhundert ins Spiel.

Die Sexualität und damit verbundene Vorstellungen und Wünsche werden vor allem von Künstlerinnen ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts thematisiert und unerschrocken in ihren Kunstwerken verarbeitet. Diese Emanzipation ist auch ein Aspekt der Arbeit von Ambera Wellmann, deren jüngstes Werk sich immer wieder um das weibliche Begehren dreht. Sie schafft es mit ihrer Ikonographie vor allem Bezüge zu griechisch-römischen Erotikdarstellungen herzustellen. Aber das, was in der Kunstgeschichte vor allem durch männliche Künstler dargestellt wurde, findet sich hier aus einer weiblichen Perspektive wieder.

Gibt es typische Merkmale, die uns Betrachter erkennen lassen, dass ein Akt von einer Frau gemalt wurde? Die Arbeiten in diesem Raum lassen erahnen, in welch umfangreiche Vielfalt Aktdarstellungen existieren und werfen dabei aber eine interessante Frage auf: wird das Geschlecht des Urhebers vielleicht nur durch das Sujet erkennbar und nicht durch die Malweise?

Die Lucretia von Diana de Rosa, das älteste Werk in dieser Ausstellung, hat einen für seine Zeit typischen Duktus, späte Renaissance im Übergang zum Barock. Als Künstlerin im 17. Jahrhundert zu arbeiten war ungewöhnlich und den Malerinnen der Zeit gelang es kaum öffentliche Aufträge zu bekommen, was Diana de Rosa bereits zu Lebzeiten anprangerte. Sie schaffte es, den Auftrag für zwei Arbeiten in der Kirche Pietà de’ Turchini zu bekommen, von denen die Zeitgenossen nach Fertigstellung glaubten, sie seien von ihrem Lehrer Cavalier Massimo Stazione gemalt worden – dies belegt, wie wenig man einer Frau diese Arbeit zutraute. De Rosas Lucretia ist im Moment ihrer Selbsttötung gemalt. Der mythologische Hintergrund der Darstellung ist das Leben der schönen, tugendhaften Lucretia, die sich nach einer Vergewaltigung das Leben nimmt und damit den Sturz des Regimes auslöst. Dass dieses starke weibliche Motiv von einer Künstlerin im 17. Jahrhundert gemalt wurde, weist auf ihre emanzipierte Haltung hin.

Daneben ist die Arbeit von Madeleine-Jeanne Lamaire, einer der interessantesten Persönlichkeiten in den 1920er Jahren in Paris. Sie führte einen literarischen Salon, in dem sich die Intellektuellen der Stadt trafen. Lemaires Malstil war romantisch: In süßlicher Manier stellt sie einen Akt auf einem Bett liegend dar, eine Frau mit grauen Locken, die nur eine Perlenkette trägt. Das Bild ist im gleichen Jahr entstanden wie der Akt von Paula Modersohn-Becker, der auch in dieser Ausstellung zu sehen ist. Hier zeigt sich der Gegensatz der Kunstrichtungen in der Moderne: Kaum ein Bild dieser Ausstellung ist so sehr der Tradition und der akademischen Malweise verpflichtet, wie das von Lemaire und noch nicht mal das Sujet lässt auf eine weibliche Künstlerin schließen.

Die Installation und das Video von Hannah Wilke sind Beispiele ihres umfangreichen Werks, das Zeichnungen, Installationen, Skulpturen, Malerei, Performances, Fotografien und Videoarbeiten umfasst und sich thematisch immer wieder um die Rolle der Frau und geschlechtsspezifische Gesellschaftskritik bewegt. Wilke begann in den 1960er Jahren mit plastischen Umsetzungen des weiblichen Geschlechts, das sie aus unterschiedlichen Materialien modellierte. In ihrer Performance Through the Large Glass, die im Film sehen ist, inszeniert Wilke einen Striptease hinter Marcel Duchamps Werk The Large Glas im Museum of Philadelphia und ironisiert dmait die vielfältigen sexuellen Bezüge des Werks.

Die Arbeit von Dorothea Maetzel-Johannsen zeigt, zu welch große Veränderungen Paula Modersohn-Beckers Arbeiten geführt haben: Schon zwei Jahrzehnte nach ihrer Schaffenszeit ist es etabliert, dass Künstlerinnen sich als Akt darstellen, wie dieses Werk von Maetzel- Johannsen. Die Arbeit wird der klassischen Moderne zugeordnet und Maetzel-Johannsen gehörte, wie ihre Zeitgenossin Anita Rée, zu den modernen Hamburger Künstlerinnen, die sich in der Hamburger Sezession formierten.

(Raumbeschreibngen, Ina Grätz)

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