LogoVS_test04.jpg

REALITÄT

02.05.2013-01.09.2013

UND FIKTION

Kuratiert von Friedrich von Borris

Jakob Boeskov

Jeremy Deller 

Thomas Demand 

Beate Gütschow

Dirk Dietrich Hennig

Christoph Keller

Inigo Manglano-Ovalle

Mikael Mikael 

Ora-ito

Walid Raad

Julian Rosefeldt

Nat Tate

The Yes Men

ARCHIV

Was ist Realität, was ist Fiktion? Dieser Frage nähert sich die am 1. Mai 2013 beginnende Ausstellung in der Villa Schöningen. Gezeigt werden Arbeiten von 13 internationalen Künstlern, die sich auf unterschiedliche Art und Weise mit Themen wie Wirklichkeit, Wahrnehmung, Identitätsbildung und Betrug auseinandergesetzt haben. In der thematischen Ausstellung werden Werke der Gattungen Malerei, Fotografie, Design und Videokunst zu sehen sein.

Das Spektrum der gezeigten Arbeiten reicht dabei von Auseinandersetzungen mit den Mustern von Wahrnehmung und Erkenntnis (Thomas Demand, Christoph Keller, Walid Raad) über Verfahren der Konstruktion von Wirklichkeit (Beate Gütschow, Julian Rosefeldt) und Auseinandersetzungen mit fiktiven Persönlichkeiten (Dirk Dietrich Hennig, Nat Tate), bis hin zu unerwarteten Wechselwirkungen zwischen Realität und Fiktion (Jakob Boeskov, Mikael Mikael, Ora-Ïto) und der politisch-ökonomischen Dimension der Fiktionalisierung von Wirklichkeit (Jeremy Deller, Iñigo Manglano- Ovalle, The Yes Men).

Die Ausstellung wurde von Friedrich von Borries kuratiert.

Pressetext der Villa Schöningen

KÜNSTLER:
Jakob Boeskov (1973, DK), arbeitet v.a. in den Medien Zeichnung, Malerei und Film. 2002 entwickelte er gemeinsam mit einem Industriedesigner die ID Sniper rifle, die Attrappe einer Waffe, die GPS-Chips unter die Haut des Opfers schießt. Auf einer chinesischen Waffenmesse erhielt Boeskov eine Vielzahl von Anfragen von Polizei, Waffenhändlern und Politikern. Auf der Waffenmesse von Katar wurde der in der Ausstellung gezeigte Film gedreht.

Jeremy Deller (1966, GB) setzt sich in Videos, Installationen und sozialen Plastiken v.a. mit den Praktiken der Populärkultur auseinander. 2001 inszenierte er mit hunderten Beteiligten ein Reenactment der Battle of Orgreave – einer gewalttätigen Auseinandersetzung zwischen streikenden Bergarbeitern und Polizisten, die 1984 im englischen Orgreave ausgetragen wurde.

Thomas Demand (1964, DE) fertigt für seine Arbeiten Pappmodelle berühmter Tatorte an, fotografiert diese und zerstört sie dann. Junior Suite von 2012 bezieht sich auf ein in den Medien weit verbreitetes Foto von dem Tisch, an dem die Sängerin Whitney Houston die letzte Mahlzeit vor ihrem Tod eingenommen hat.

Beate Gütschow (1970, DE) Fotografin, arbeitet v.a. mit Bildfragmenten und Bildmontage. In der Ausstellung „Realität und Fiktion“ ist ihre Arbeit LS#7 zu sehen.

Dirk Dietrich Hennig (1967, DE) arbeitet mit dem Ansatz der „Geschichtsintervention“: Er erfindet fiktive Künstlerpersönlichkeiten und fertigt unter ihrem Namen Werke an – u.a. George Cup & Steve Elliott. Der Film The connection between form and sound #15 des Duos wurde 2010 in der Londoner Tate gezeigt, ohne dass sich die Kuratoren des tatsächlichen Urhebers bewusst waren.

Christoph Keller (1967, DE) untersucht in seinen Arbeiten die Mittel und Möglichkeiten der Wissenschaft und ihrer Randgebiete. Für das Cloudbuster Project (seit 2003) rekonstruierte er den Wolkensprenger des Psychoanalytikers und Sexualtheoretikers Wilhelm Reich, und hat, so Keller selbst, bei verschiedenen Experimenten Veränderungen der Wetterlage beobachten können.

Iñigo Manglano-Ovalle (1961, ES), arbeitet zu Themen wie Technologie, Klima und Einwanderung, häufig in Zusammenarbeit mit Laien und Experten anderer Disziplinen. Die Installation Phantom Truck (2007) gibt den fiktiven Waffenlaboren eine reale Gestalt, die US-Außenminister Colin Powell als Rechtfertigung für die Invasion in den Irak anführte.

Mikael Mikael (1974, DE) arbeitet zu Themen wie Sicherheit, Überwachung und Rückzug. Für die Serie Show You Are Not Afraid fotografiert er Poster mit dem Post- 9/11-Ausspruch des New Yorker Bürgermeisters an Orten des Terrors. 2012 wurde das Poster von israelischen Frauen verwendet, die ihre Solidarität mit einer ägyptischen Bloggerin bekundeten.

Ora-Ïto (1977, FR) entwickelt mit seinem Design-Studio Produkte für Marken wie Citroen, Artemide und adidas. Bekannt wurde er 1999 mit dem Rucksack Back Up Louis Vuitton und dem Laptop Hackmac, unautorisierten Produkten mit den Logos von Vuitton und Apple, die nie hergestellt wurden, aber auf große Nachfrage stießen.

Walid Raad (1967, RL) wurde bekannt als Urheber der fiktionalen Atlas Group, die die jüngste Geschichte des Libanons dokumentiert und bearbeitet. Seit 2007 befasst er sich mit der Geschichte und gegenwärtigen Inflation von Kunst in der arabischen Welt und ihrer Verflechtung mit den Konflikten der Region. Für die Serie Preface to the Second Edition (2012) hat Raad die Reflexionen fotografiert, welche die Bilder im Kunstmuseum von Doha auf dem Fußboden erzeugen, in der Hoffnung, so Raad, dass die Reflexionen von seinen Fotos auf die Bilder selbst übergehen.

Julian Rosefeldt (1965, DE) realisiert v.a. Videoinstallationen, die die Stereotypen und unbedachten Wiederholungen der Populärkultur analysieren und offenlegen. Für American Night (2009) hat er Western-Szenen gedreht, die die genre-typischen Erzählweisen erfüllen und sichtbar machen, aber auch andere Formate wie Politik, Pop- Song und Spielfilm zitieren.

Nat Tate (1929-1960, US), fiktionaler Künstler und Protagonist des Romans Nat Tate. An American Artist: 1928-1960 von William Boyd. Die Buchpremiere wurde als Ehrung eines realen aber zu unrecht vergessenen Künstlers inszeniert. Die Kunstszene fiel zunächst darauf herein. In der Ausstellung ist das Tate-Gemälde Study for White Building zu sehen.

The Yes Men (Künstlerduo und Netzwerk, US) agieren und veröffentlichen unter fremdem Namen und Look, um die Wahrheit über die so gehackten Firmen, Medien und Regierungseinrichtungen zu enthüllen. Nach der Wahl von Präsident Obama 2008 veröffentlichen sie eine New York Times Special Edition, die ausschließlich wünschenswerte Nachrichten enthielt, z.B.: „IRAQ WAR ENDS“.

KURATOR:

Friedrich von Borries (*1974) lehrt Designtheorie und kuratorische Praxis an der HFBK Hamburg. Mit seinem Berliner „Projektbüro Friedrich von Borries“ arbeitet er sowohl theoretisch als auch praktisch im Grenzbereich von Kunst, Design und Architektur.