Zwischen Bäumen
Ab dem 6. September 2026 präsentiert die Villa Schöningen in Kooperation mit der Berliner Ausstellungsplattform PASSAGE die Ausstellung Zwischen Bäumen. Rund 90 Werke von mehr als 60 internationalen Künstler*innen aus drei Jahrhunderten widmen sich dem Wald als Motiv, Bedeutungsraum und kultureller Projektionsfläche. Historische Gemälde, Zeichnungen und Fotografien treten in Dialog mit zeitgenössischen Skulpturen, Installationen und Malereien. Kuratiert wurde die Ausstellung von Victor Auberjonois.
Mit der Einladung Victor Auberjonois’ öffnet die Villa Schöningen ihr Programm für eine neue kuratorische Perspektive. Die Ausstellung verbindet internationale zeitgenössische Positionen mit Werken aus der Sammlung Döpfner und bedeutenden historischen Leihgaben. Diese Offenheit gegenüber unterschiedlichen kuratorischen Handschriften und der dialogische Umgang mit der Sammlung entsprechen dem Leitbild der Villa Schöningen, Kunstgeschichte nicht als abgeschlossene Erzählung zu begreifen, sondern als lebendigen Bestand, der sich mit jeder Generation neu lesen lässt.
Dass sich die Ausstellung dem Motiv des Waldes widmet, ist dabei eng mit dem Ort selbst verbunden. Die Villa Schöningen liegt eingebettet in die von Peter Joseph Lenné und Gustav Meyer gestaltete Potsdamer Parklandschaft, eine der bedeutendsten historischen Kulturlandschaften Europas. Architektur und Gärten wurden hier im 19. Jahrhundert über Sichtachsen als Gesamtkunstwerk entworfen. Bereits bevor Besuchende die Ausstellung betreten, bewegen sie sich durch eine Landschaft, die seit fast zweihundert Jahren davon erzählt, wie der Mensch Natur ordnet, inszeniert und wahrnimmt. Zwischen Bäumen beginnt somit nicht erst in den Ausstellungsräumen, sondern bereits im Park der Villa Schöningen.
Kaum ein Motiv hat die Kunstgeschichte so nachhaltig begleitet wie der Wald. Seine Bedeutung veränderte sich mit den gesellschaftlichen Vorstellungen seiner Zeit. In der frühen Neuzeit erscheint er als Schauplatz biblischer und mythologischer Erzählungen. Seit dem 19. Jahrhundert wird er als Gesamtkunstwerk aufgefasst – im deutschen Raum eng verbunden mit dem wachsenden Nationalmythos, der Industrialisierung, Landflucht und der zunehmenden Entfremdung von der Natur.
Mit der Romantik entsteht eine neue Naturauffassung: Der Wald wird zum Ort der (Rück-)Besinnung und zur Sehnsuchtslandschaft. Er ist nun nicht mehr nur Idyll, sondern utopisches Ideal und wird zur kollektiven Projektionsfläche. Besonders im Werk von Carl Spitzweg erscheint er als ursprünglicher, wilder Raum, bevölkert von Nymphen, Liebespaaren, Zwergen oder Philosophen. Und in den gesammelten Märchen der Brüder Grimm wird vom Wald als verwunschener Ort des Mysteriösen und Geheimnisvollen erzählt. Zwischen Beklemmung und Faszination wirkt er als Raum einer übermächtigen Natur, die tief im Dickicht versteckt ist und der man nicht über den Weg laufen möchte.
Auch bei Narcisse Díaz de la Peña, einem wichtigen Vertreter der Schule von Barbizon, sehen wir knorrige Bäume und dichte Waldlandschaften. Die Maler seiner Zeit stellen keine Ideallandschaften mehr dar, sondern ausschnitthafte Naturansichten, die durch Licht, Atmosphäre und unmittelbare Naturerfahrung wirken. Ihre en plein air gemalten Landschaften bilden somit den Grundstein für die späteren impressionistischen Waldlandschaften. Der Grunewald etwa wird bei Max Liebermann zum Gegenraum zur engen bürgerlichen Stadt, in strahlender Farbigkeit und mit betont gesetzten Lichtreflexionen und Schatteneffekten dargestellt. Die gleichmäßig angeordneten Fichtenstämme verweisen auf die Kultivierung des Waldes – und stehen damit ganz im Gegensatz zur romantischen Vorstellung von unberührter Wildnis.
Die sachlichen Fotografien von Albert Renger-Patzsch zeigen ebenfalls Reihen schlanker Baumstämme und vergegenwärtigen Landschaft als kultivierte Natur, jedoch ohne mythologische Bezüge und in betont kühler Formensprache. Wir bewegen uns nun nicht mehr durch eine vorindustrielle, sondern durch eine moderne und rationalisierte Landschaft. Dennoch bleibt unsere Vorstellung vom Wald bis heute von den Märchenbildern Spitzwegs sowie den ästhetischen und sinnbildlichen Ideen der Romantik geprägt.
Zeitgenössische Positionen knüpfen an diese kunsthistorischen Traditionen an und erweitern sie um neue Fragestellungen. Wälder und Bäume erscheinen nicht länger nur als Landschaftsmotiv oder romantisches Symbol, sondern als lebendige Organismen, Zeitzeugen und Akteure komplexer ökologischer Systeme. Künstler*innen wie Alicja Kwade, Julius von Bismarck und Michael Sailstorfer hinterfragen das Verhältnis von Mensch und Natur ebenso wie Vorstellungen von Zeit, Materialität und Erinnerung.
Historische und zeitgenössische Werke begegnen sich in Zwischen Bäumen als Teil eines fortwährenden Gesprächs. Über drei Jahrhunderte hinweg zeigt die Ausstellung, wie sich unsere Vorstellungen von Natur verändern und jede Epoche eigene Bilder des Waldes hervorbringt. Heute, spätestens seit dem großen Waldsterben der 1980er Jahre, wird der Wald als Sinnbild des Klimawandels und verletzlicher ökologischer Raum verhandelt. Zugleich lebt das romantische Bild des Waldes als Besinnungs- und Sehnsuchtsort im kollektiven Bewusstsein fort. Dieses Spannungsfeld vor Augen, verändert sich unser Blick auf den Wald als Naturraum grundlegend: Der Wald erzählt plötzlich weniger von der Natur als von unserem Verhältnis zu ihr.
Zwischen Bäumen lädt dazu ein, sich Zeit für die Begegnung zwischen Kunst und Landschaft, Geschichte und Gegenwart, Kultur und Natur zu nehmen. Und sie stellt am Ende eine Frage, die über die Ausstellung hinausweist: Wenn jede Epoche ihre eigene Vorstellung vom Wald hervorbringt, welches Bild des Waldes hinterlassen wir den kommenden Generationen?
Irving Ramó, You Can’t Have What I Become – Daphne,
2026, O�l auf Leinwand/ Oil on Canvas, Thomas
Theodor Heine, Bad im Park, 1911, O�l auf Leinwand/
Oil on Canvas, Courtesy Döpfner Collection, Heinrich
von Wrede, Spaziergang, Sassnitz/Rügen, 2025,
Silbergelatine-Abzug auf Barytpapier/ Gelatin silver on
baryta paper © Villa Schöningen. Foto: Sascha
Herrmann, 2026.
Irving Ramó, You Can’t Have What I Become – Daphne,
2026, Öl auf Leinwand/ Oil on Canvas
© Villa Schöningen. Foto: Sascha Herrmann, 2026.
Oil on Linen, Johannes Seluga, Blume, 2024, Öl auf
Leinen/ Oil on Linen, Chunkook Lee, Dandelion, 2026,
Polymer Clay auf Holzplatte/ Polymer Clay on Wood
Panel, Chunkook Lee, Dandelion (white), 2026,
Polymer Clay auf Holzplatte/ Polymer Clay on Wood
Panel © Villa Schöningen. Foto: Sascha
Herrmann, 2026.
Tempera auf Jute/ Oil and Tempera on Jute, Hugo
Mühlig, Sommerstimmung, 1910, O�l auf Leinwand/ Oil
on Canvas, Courtesy Udo Kittelmann, Richard Scholz,
Illustration zu einem Text der Gebrüder Grimm, 1920,
Karton, Leinenrücken, Papier, Farblithografien,
Klammerbindung/ Cardboard, Cloth Spine, Paper,
Colour Lithographs, Staple Binding, Max Liebermann,
Liebespaar auf einem Spaziergang im Grunewald,
1920, O�l auf leinenkaschierter Malpappe/ Oil on
Canvas-Mounted Cardboard, Courtesy Döpfner
Collection © Villa Schöningen. Foto: Sascha
Herrmann, 2026.
Waldsee, Ohne Jahresangabe/ Without Year, Courtesy
Döpfner Collection, Öl auf Holz/ Oil on Wood,
Alexander Iskin, Plaza Root, 2026, Öl auf Leinwand/
Oil on Canvas, Irving Ramó, You Can’t Have What I
Become – Daphne, 2026, Öl auf Leinwand/ Oil on
Canvas © Villa Schöningen. Foto: Sascha
Herrmann, 2026.
Srijon Chowdhury, Cherry Blossoms, 2025, Öl auf
Leinwand/ Oil on Canvas, Jan Eustachy Wolski,
Untitled, 2026, Öl auf Leinen/ Oil on Linen, Johannes
Seluga, Blume, 2024, Öl auf Leinen/ Oil on Linen,
Chunkook Lee, Dandelion, 2026, Polymer Clay auf
Holzplatte/ Polymer Clay on Wood Panel, Chunkook
Lee, Dandelion (white), 2026, Polymer Clay auf
Holzplatte/ Polymer Clay on Wood Panel ©
einem Metzgerblock aus Altholz/ Aluminum leaf on
found wood butcher block, Jan Eustachy Wolski,
Untitled, 2026, Öl auf Leinen/ Oil on Linen, Johannes
Seluga, Blume, 2024, Öl auf Leinen/ Oil on Linen,
Chunkook Lee, Dandelion, 2026, Polymer Clay auf
Holzplatte/ Polymer Clay on Wood Panel, Chunkook
Lee, Dandelion (white), 2026, Polymer Clay auf
Holzplatte/ Polymer Clay on Wood Panel © Villa
Schöningen. Foto: Sascha Herrmann, 2026.
Öl auf Leinwand/ Oil on Canvas, Alicja Kwade, Parallelwelt
(Ast/Antiast) I, 2010, Holz, Gummi, zweiteilig/ Wood,
Rubber, Two-Parted, Courtesy Boros Collectio
Konrad Weichs, Blattzeit, 2026, Öl auf Leinwand/ Oil on
Canvas © Villa Schöningen. Foto: Sascha Herrmann, 2026.
Oil on Wood Panel, Ilse Salberg, Chene-liège, 1938, Courtesy
Galerie Berinson, Hans Bellmer, Les Jeux de la Poupée, 1936,
Vintage Druck, handkoloriert/ Vintage Print, handcoloured,
Courtesy Galerie Berinson © Villa Schöningen. Foto: Sascha
Herrmann, 2026.
Johannes Seluga, Untitled, 2025, Öl auf Leinen/ Oil on
Linen © Villa Schöningen. Foto: Sascha Herrmann,
2026.
Tempera auf Jute/ Oil and Tempera on Jute © Villa
Schöningen. Foto: Sascha Herrmann, 2026.
Lilo Klinkenberg, Was Bleibt, 2026, Edelstahl,
Kastanie, Passionsfruchtranken/ Stainless Steel,
Chestnut, Passion Fruit Tend
Kastanie, Passionsfruchtranken/ Stainless Steel,
Lilo Klinkenberg, Was Bleibt, 2026, Edelstahl,
Kastanie, Passionsfruchtranken/ Stainless Steel,
Chestnut, Passion Fruit Tend
Anna & Bernhard Blume, Kontakt mit Bäumen
(Contact with Trees) from the series Im Wald (In the
Forest), 1987–1988, Silbergelatineabzüge, auf
Hartschaumplatten montiert, mit UV-Schutzlack
beschichtet/ Silver Gelatin Prints, Mounted on Rigid
Foam Panels, Coated with UV-Protective Varnish,
Dash Snow, Moments Like This Never Last, 2006
Mischtechnik, Mixed Media, Courtesy Contemporary
Fine Arts, Carl Spitzweg, Gefallene Wettertanne, 1838,
Öl auf Papier, aufgezogen auf Pappe/ Oil on Paper,
mounted on Cardboard, Courtesy Döpfner Collection
© Villa Schöningen. Foto: Sascha Herrmann, 2026
Anna & Bernhard Blume, Kontakt mit Bäumen
(Contact with Trees) from the series Im Wald (In the
Forest), 1987–1988, Silbergelatineabzüge, auf
Hartschaumplatten montiert, mit UV-Schutzlack
beschichtet/ Silver Gelatin Prints, Mounted on Rigid
Foam Panels, Coated with UV-Protective Varnish ©
Dash Snow, Moments Like This Never Last, 2006
Mischtechnik, Mixed Media, Courtesy Contemporary
Fine Arts, Carl Spitzweg, Gefallene Wettertanne,
1838, Öl auf Papier, aufgezogen auf Pappe/ Oil on
Paper, mounted on Cardboard, Courtesy Döpfner
Collection © Villa Sch
Carl Spitzweg, Gefallene Wettertanne, 1838, Öl auf
Papier, aufgezogen auf Pappe/ Oil on Paper,
mounted on Cardboard, Courtesy Döpfner Collectio